W. Felix Dirtinger
DAS ESELEIN
Gestaltung des Märchens der Gebr. Grimm mit Musik von W.F. Dirtinger
Nachwort von Wolfgang Felix Dirtinger:
Mancher, der uns als Esel erscheint, ist im Verborgenen doch ein König.
Die animalische, eselhafte Seele bedarf zur Läuterung vieler Ereignisse, die im
wahrsten Sinne des Wortes not - wendig sind, um eines Tages der Krone würdig,
d.h., unserer königlichen Abstammung bewußt zu werden. Wir erkennen hierin eine Seelen - Geist - Entwicklung. Der Prozess läuft über die
Tiernatur hinaus zur eigentlichen Menschwerdung.
Eingesenkt in uns ist das Geistige die lenkende Instanz. Sie führt zur Freude an
der Musik und gar zum Verlangen, die tönende Welt selbst zu ergreifen. Wäre das
«Eselein» nur Tier, gäbe es keine Musik, keine Erkenntnis und auch keinen Wunsch
nach Verwandlung. Es wäre sich selbst genug! @PP
Wie die Musik durch Leid und Elend führen kann, bringt sie auch
Liebesfähigkeit. Und Liebe ist die eigentlich verwandelnde Kraft. Sie überwindet
Grenzen, weitet Geist und Seele und führt dazu, unser Gefangenendasein in der
Eselshaut abzuwerfen.
In der Therapie wird dieser Vorgang auf die Ebene des individuellen Menschen
übertragen. Damit kann das Mysterium - ein bildhafter, vor Augen und Ohren
geführter Initiationsprozess - wirksam werden.
Doch, oft genügt das Zuhören nicht!
Das Nachgestalten des Märchens greift tief in die Gesamtkonstitution des
Menschen ein und hinterläßt Spuren. So kann es in Form eines Rollenspiels in
Szene gesetzt werden. Dabei übernimmt jeder der Teilnehmer eine Rolle und ein
Musikinstrument seiner Wahl. Der «Esel» ist anfangs in eine Decke eigenhüllt,
improvisiert auf einer Kantele und agiert so, wie es das Märchen erzählt. Nach den
bestandenen Abenteuern, wobei solche spontan vom "sel"auch zusätzlich inszeniert
werden können, wirft er die Decke ab. Daraufhin wird ihm - vom Therapeuten
- feierlich die Krone (aus Goldkarton) aufs Haupt gesetzt.
Immer bedarf die Durchführung einer geistesgegenwärtigen, phantasievollen
(Re-) Aktionsfähigkeit des Therapeuten wie einer entsprechenden, den Hintergründen
angemessenen Haltung aller Akteure.
Dabei, wie beispielhaft an diesem Märchen, darf der Humor keinesfalls zu kurz
kommen!