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Abb. Der Mönch und das Vöglein

W. Felix Dirtinger


DER MöNCH UND DAS VöGLEIN


Gestaltung des Märchen von Ludwig Bechstein als Allegorie auf das Lebensende mit Musik von W.F. Dirtinger
EAN: 978-3-931370-08-4 ISBN: 3-931370-08-9 20 S. 205x280 mm 6.10 € Anzahl erhöhen
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Stichworte:
Musiktherapie, Musik, Noten, Märchen, Ludwig Bechstein, Allegorie, Geriatrie, Gerontopsychiatrie, Sterbevorbereitung


Vorwort von Wolfgang Felix Dirtinger:

Das ganze Frühjahr hindurch bis in den Sommer hinein, begleitete mich einstmals das Lied einer Amsel.

Oft weckte mich der Gesang beim ersten Dämmerschein. Tagsüber hörte ich ihn einsam über alle anderen Vogelstimmen hinweg - ein Lied, das in seiner süßen Wehmut so unbeschreiblich schön war, daß ich immer mehr davon ergriffen, ja verzaubert wurde. Ich horchte auf und es war mir wie ein Rufen aus einer anderen Welt, die ich jedoch nicht zu fassen vermochte. Glückliche und schmerzliche Empfindungen vermischten sich, widerhallten in mir und erfülIten mich mit tiefer Sehsucht.

Doch, eines Tages - ich erwartete das Lied wieder und wollte diesmal seine melodischen Wendungen und Motive mit aller Hingabe aufmerksam verfolgen - blieb es aus und ich wartete vergebens! Erst jetzt - wie oftmals im Leben - ließ mich der Verlust den tiefen Wert erahnen, der in dieser Begebenheit lag.

Jahre später, ich hatte die Geschichte längst vergessen, hielt ich das Märchen von Bechstein in den Händen - und augenblicklich fiel mir wieder dieses Erlebnis ein.

Märchen, Musik und Therapie

Wohl handelt es sich weniger um ein Märchen als vielmehr um eine Allegorie, die uns erzählt, was die tönende Welt in uns auszulösen imstande ist.

Daß sich in der Gestalt des Mönches wie in der des Vogels, als auch in den Orten des Geschehens eine tiefe Symbolik kundtut, ist anzunehmen. So sehe ich im Mönchen eine Personifikation des Saturnprinzips, und im Vogel eine Darstellung des Geistigen, das sich in Tönen äußert. Ich erinnere an die Taube als christliches Symbol des heiligen Geistes, an den Horusfalken des alten Ägypten, und denke auch an einen Merkuraspekt. Hier vermittelt sich Merkur (als Mittler zwischer Götter- und Menschenwelt) durch das tönende Moment, und stellt eine Verbindung zwischen diesseitiger und transzendenter, jenseitiger Welt her. Die Zahl 300 läßt sich als Manifestation des Sieges begreifen (vergl.: Endres/Schimmel, Das Mysterium der Zahl; Diederichs), welche die 30 als Jahreszahl der Umlaufszeit des Saturn um die Erde das Feste des Knochengerüstes auflösend, beinhaltet. Die Zahl 3, darin involviert, verstehe ich hingegen als Anrufung der Trinität, um nur einiges Wesentliche aus der Allegorie herauszugreifen.

Die komponierte Musik versucht das Geschehen, daß der Gleichniserzählung zugrunde liegt, zu begleiten, die Stimmung zu intensivieren, ohne zu untermalen. Sie entfaltet sich nach musikalischen Gesichtspunkten aus dem Einleitungsthema, wandelt und verwandelt sich ganz den Ereignissen entsprechend, die damit gleichsam noch einmal auf klanglicher Ebene neu »erzählt« werden.

Der Spätherbst, um Allerseelen und Allerheiligen, scheint mir die rechte Zeit zu sein, dieses Märchen aufzuführen. Es unterstützt nicht nur die Besinnlichkeit in Anbetracht der vergehenden Natur, sondem auch das »Sehnsuchtgefühl nach Verwandlung«, wie ein Zuhörer es einmal ausdrückte.

Im Rahmen der musiktherapeutischen Praxis, in der Geriatrie (Gerontopsychiatrie), dort, wo sich der alte Mensch dem Sterben unausweichlich zuneigt - als indirekte Vorbereitung auf die letzten Stunden des Lebens - hat es sich besonders bewährt.

Zur Aufführung empfehle ich vorher das Märchen vorzulesen, die Aufmerksamkeit des Hörers auf seine eigensten Empfindung zu lenken, die ihn bewegen und worüber vielleicht gesprochen sein will.

Schon zu Anfang unterstütze ich die Atmosphäre mit Thuja - bzw/und Zypressenaroma, in eine Duftlampe geträufelt.

Thuja ist der Lebensbaum, als ein Symbol für Auferstehung, rahmt er Friedhofsgärten ein. Die Zypresse - wer ist nicht berührt von ihrer stolzen Melancholie - ragt wie ein Mahnmal in die tiefe Bläue südlicher Himmel ebenfalls ein Baum der die Stille, der Klösterhöfe wie auch Friedhöfe bewacht.

Nach einer altgriechischen Legende tötete Cyparissos einen zahmen Hirschen und verfiel ob dieser herzlosen Handlung in eine abgrundtiefe Trauer. Sie verwandelte ihn in eine Zypresse.

Die Zypresse wird dem Saturn zugeordnet. Trauer klingt zwar an, sie führt aber zur Wandlung und Reife. Diese helfen wiederum Grenzen zu überschreiten. Und nach dem Grundsatz »Similia similibus curantur«, ist Saturn die helfende Instanz, womit sie sich selbst überwindet.