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Naht das Schuljahresende, so rücken die Zeugnissprüche, eine Besonderheit der Waldorfpädagogik, vor allem dem Klassenlehrer verstärkt ins Bewußtsein. Worin liegt eigentlich ihre Bedeutung? Die Sprüche sollen für den Schüler »eine Richtschnur für das ganze nächste Schuljahr sein. Das Kind nimmt diesen Kernspruch so auf, dass es immer daran denken muss. Und dieser Kernspruch hat dann die Eigenschaft, auf den Willen oder auf die Affekte oder Gemütseigenschaften in entsprechender Weise ausgleichend, kontrollierend einzuwirken« (Rudolf Steiner, 24.8. 1922, G A 305, Dornach 21979, S. 153). Der vom Lehrer individuell ausgesuchte oder gar selbst verfasste Spruch begleitet den Schüler dann ein Jahr lang, indem er »seinen« Spruch mindestens einmal wöchentlich der Klasse vorträgt. Im Laufe einer achtjährigen Klassenlehrerzeit entsteht auf diese Weise eine beachtliche Zahl an - für jedes Kind und seine augenblickliche Entwicklung - entsprechenden Gedichten.
... Von seinen [Till v. Grotthuss] in zwanzig Klassenlehrerjahren entstandenen Zeugnissprüchen hat er rund 110 für die Unterstufe und rund 40 für die Mittelstufe ausgewählt. Jede der formvollendeten Kostbarkeiten birgt in sich eine konkrete Szene, eine Naturbeschreibung oder einen Denkanstoß (wie z.B. »Die Birke ist ein Teil vom Wind«), bisweilen eine ungewöhnliche Formulierung (»Ich selbst geh mir voran!«). Der außerordentliche Bilderreichtum, die Fülle der lebensnahen Themen und die verschiedenen Vers formen kreisen stets um einen - im Hintergrund stehenden, unausgesprochenen - Gedanken, dem Gedanken von der Arbeit an sich selbst, der Selbsterziehung. Dieser Grundton durchzieht alle Gedichte in zuversichtlicher Stimmung, die nicht nur einen Lehrer und dessen Schüler, sondern jeden Leser begeistern kann. Auch wenn er die Verse losgelöst vom Schüler und ohne den konkreten pädagogischen Auftrag liest.