Christian Maurer
Zum Mythos der Herakleskinder, insbesondere der Makaria
Stichwörter:
Herakles, Makaria, Zeus, Hera, Alkmene, Die Taten des Herakles, Eurystheus,
Iphigenie, Intellektualität - Religiösität,
Die Griechen waren Künstler, schon in der Ausgestaltung ihres Gottesdienstes. So wurden die denkbar gegensätzlichsten Weltprinzipien: Fortzeugende Gedankenherrlichkeit und eifersüchtiges, leibbezogenes Beharren in die göttliche Ehe von Zeus und Hera zusammengebunden. Doch diese Spannung wird zur fruchtbaren Kulturschöpfung: Wo Hera zurückweist in ihr Erbe aus altem asiatischen Matriachat, ist Zeus der Neue, der unerschöpfliche Vater.
Zu einem antiken Mephistopheles, »der stets das Böse will und stets das Gute schafft«, wird dementgegen die Göttermutter Hera für den menschgewordenen Gottgedanken, den Zeus-Sohn Herakles mit seiner sterblichen Mutter Alkmene: Um durch sich selbst vernichtet zu werden, wird er zu seinen sagenhaften Taten vom Halbbruder Eurystheus, dem Arm der Hera, gezwungen. Und dieser Vernichtungswille gegen alles Schöpferische macht auch nicht halt vor seinen Nachkommen, den Herakliden.
Unter ihnen nimmt Makaria, die reine Jungfrau, eine Sonderstellung ein. Wo die Söhne des Herakles schon als Knaben zu verstandeskräftiger Selbstverteidigung und kriegerischer Auseinandersetzung gezwungen werden, und dieser Funke auch auf Athen übergreift, pflegt Makaria, unberührt von männlicher Streitlust, einen stillen Hort seelenvoller Menschlichkeit. Ihr Innenraum öffnet sich, stellt sich ihren Brüdern und deren Schicksal nicht entgegen, nimmt Anteil an ihrer Not. Aber diese empfindsame Verinnerlichung als neue Seelenqualität muß unabdingbar den Göttern zurückgeopfert werden, wo dem martialischen Selbstbehauptungswillen auf den äußeren Plan Erfolg beschieden sein soll.
Makaria, die Heroentochter im Aufgang der griechischen Mythologie, ist augenfällig eine frühe Geistesschwester der Iphigenie. Beide werden von den Göttern zurückgefordert in einen für die Zukunft aufgesparten »Puppenstand«, wo jetzt die errungene schöpferische Menschlichkeit Griechenlands nur durch Blutvergießen gerettet werden kann.
In seinen Vorträgen zur griechischen Mythologie und Geistesgeschichte deutet Rudolf Steiner das Iphigenienopfer in Aulis (das ja gebracht werden mußte, um die Götter günstig zu stimmen für die Heerfahrt nach dem kleinasiatischen Troja) (R. Steiner: Weltenwunder, Seelenprüfungen und Geistesoffenbarungen1. Vortrag, München 18.08.1911):
»Gleichwie Iphigenie der Artemis als Opfer dargebracht wurde, aber durch
dieses Opfer zur Priesterin ward, so mußten immerzu in den verflossenen
Jahrhunderten und Jahrtausenden gewisse Elemente unserer intellektuellen
Kultur geläutert und gereinigt, mit einem priesterlich-religiösen
Charakter den höheren Göttern dargebracht werden, damit diese
äußere intelektuelle Kultur die Menschheit nicht verdorre
So stellt uns Iphigenia dar die Repräsentantin des immerwährenden
Opfers, welche unsere äußere Intellektualität an das tiefere
religiöse Leben zu bringen hat.«
Opfer bedeutet: re-ligio, Zurückbesinnung auf das Göttliche. Durch die Taten des Herakles für die Welt mag in der menschlichen Entwicklung ein entscheidender Schritt hin zur »äußeren Intellektualität« geleistet worden sein, mit dem der Anfang dieses »immerwährenden Opfers« notwendig wurde vollzogen durch die Heraklestochter Makaria.
Iphigenie später wird beim Opfer durch Artemis gnädig entrückt
und bewahrt auf Tauris die Menschlichkeit der Seele für ihren
rächenden Bruder Orest. Makaria, ursprünglich gewissermaßen,
erkennt geisteswach ihren Ruf nur sie selbst vermag ihn zu deuten
und geht freiwillig über die Schwelle, in die Verpuppung für
künftige Seeleninnerlichkeit.