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Abb. Iolaos

Christian Maurer


   Zum Sprechen im Hexameter - Versmaß   


Stichwörter:
Denkschulung, Orphischer Hymnus an den Boreas (Nordwind), Blutrhythmus, Atemrhythmus, Argonautenspiel von Heinz Müller, Hölderlin

Das Sprechen im Versmaß des griechischen Hexameters ist eine elementare Schulung der erwachenden Denkkraft um das 12. Lebensjahr während der 5. Klasse. Schöne Texte aus der deutschen Literatur, auch Übersetzungen aus dem Homer, oder z.B. der schwer zugängliche Orphische Hymnus an den Boreas (der seltene Fall, wo ein Gebetshymnus nicht einen olympischen Gott, sondern das Wetter besingt), bieten sich zum Rezitieren an:


Boreas Rauchopfer
mit Weihrauch
Du, der mit winterndem Hauch’     aufstürmt die Tiefe des Luftmeers,
Boreas, starrend von Frost,    enteile der schneeigen Thrake;
Löse den Wolkenverband    der wasserwandelnden Lüfte,
Fegend dem thauigen Naß    die regengeborenen Fluten,
Alles erheiternd umher    mit dem blühenden Auge des Äthers,
Welchem die Strahlen entfunkeln    des Helios nieder zur Erde!

Nun ist das didaktische Geschick des Lehrers aufgerufen, seine Kinder auf einen Sprechtext einzustimmen, oder parallel zum Erzählstoff aus der griechischen Sagenwelt einen Götterhymnus auszuwählen. Denn das Hexameter-Sprechen hilft den Kindern, Blutrhythmus und Atemrhythmus ins Gleichgewicht zu bringen. Dieser hygienisch-therapeutische Gesichtspunkt sollte in der Sprachpflege das ganze 5. Schuljahr durchziehen.

Aber die Sprechfreude der Kinder läßt allmählich nach, und so wird oft nach einem Hexameter-Text mit einem darstellbaren Geschehen aus dem Götter- oder Heldenleben gesucht, um die Kinder neu zu motivieren und ihrer Spielfreude entgegenzukommen.

Doch der Hexameter ist das epische Versmaß par excellence, wurde auch von den Griechen im klassischen Drama nirgendwo verwendet und widerspricht schon in seinem gleichmäßigen Fluß der Anforderung dramatischer Gegenwärtigkeit. Soll er dennoch für die dialogische Wechselrede bemüht werden, wird man

1. einen sehr epischen Spielstoff auswählen müssen und wird
2. die dem Hexameter unmittelbar gegebene Biegsamkeit, alles im Sprachbild widerspiegeln zu können, ausnützen und ihn mit der ihm fast wesensfremden Gegenwärtigkeit des dramatischen Dialogs ausstatten.

Glücklich gelungen ist es Heinz Müller in seinem Argonautenspiel, epische Breite mit gerafften Dialog-Reden zu verbinden (5 Bilder aus der Argonauten-Sage, Spiel für die 5. Klasse, Mellinger-Verlag, Stgt, vergriffen).

In meinem Herakliden-Spiel habe ich mir diese Gesichtspunkte und auch den Umfang des Spiels von H. Müller zum Vorbild genommen, um in einem überschaubaren Geschehen von Vertreibung, Verfolgung, Flüchtlingselend, Opfer und Gerechtigkeit, die zur Urteilsfindung erwachenden Kinder noch einmal an der Sprache zu motivieren.

Am Stabreim-Sprechen wurde in der 4. Klasse die Sprechkraft am Widerstand des anlautenden Konsonanten geübt, gewissermaßen im vertikalen Wurf der Ausatmung. In der Sprachpflege der 5. Klasse wird nun die Ausatmung horizontal geweitet und die Einatmung vertieft. Ein schönes Gleichgewicht von Vokal und Konsonanten im plastischen Gestalten stellt sich im Sprechen der harmonisch gebundenen Hexameter-Zeile ein.

Die schönsten Hexameter in deutscher Sprache finden sich wohl in Fr. Hölderlins Gesang an die Kultur des klassischen Griechenland, »Der Archipelagus«. Aus ihm habe ich für den Schlachtbericht in der 7. Szene des Heraklidenspiels einige Zeilen mitverwendet.

Hölderlin beschreibt eine verwandte Situation Athens, den Einfall der Perser in Attika. Im Unterrichtszusammenhang ergibt sich kaum Gelegenheit, diese wertvollen Texte zu sprechen. Ähnlich verhält es sich mit der Todesklage der Makaria, die ich der ersten Strophe der Todesklage der Antigone in Hölderlins Übersetzung der Tragödie des Sophokles nachgebildet habe. Das Opfer der Makaria ist zwar auch dargestellt bei Euripides in “Die Kinder des Herakles”, doch für diese Szene habe ich mich ausschließlich an Gustav Schwabs Erzählung in den “Schönsten Sagen des klassischen Altertums” gehalten.

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