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Marjatta

Adolf Fischer

Das Marjatta-Lied


Stichwörter:
Kalevala, Väinämöinen, Kantele, Sampo, Weihnachtsmotiv

Von der Weltschöpfung bis zur Ankunft des Sohnes der Jungfrau wird in den fünfzig Gesängen der Kalevala die Geschichte der Götter und Heroen, der Erde mit Pflanzen und Tieren, die Entwicklung der Menschheit erzählt - aus nordischer Naturgeistigkeit und vor dem Hintergrund der finnischen Landschaft. Von allgewaltiger Macht ist das Wort, das Lied, die Zauber-Rune. Die Taten des Väinämöinen, des Wegbereiters der finnischen Volksseele, durchziehen und geleiten die ganze Kalevala. Er rodet und sät, er schenkt die Kantele, er bringt den "Sampo", jene wundersame Mühle, der die Lebenskräfte entspringen.

Das fünfzigste und letzte Lied der Kalevala ist jünger als die anderen und wurde durch das Weihnachtsmotiv des sich verbreitenden Christentums angeregt. Auf rührend unschuldige Weise wird die Geschichte eines Mädchens (Marjatta) erzählt, die sich durch eine heilige Scheu vor der triebhaft-dunklen Seite des Seelischen bewahrt und sich dadurch für die Ankunft der neuen, erlösenden Kräfte bereitet.

Das Walten von Natur- und Lebenskräften wird bildhaft dargestellt durch den finnischen Gesund- und Kraftborn, die Preiselbeere. Aus dem alltäglichen herausgelöst wird das Bild durch den unirdischen Ort dieser einen Beere - sie »hängt zu hoch, um hinzureichen« - und durch ihre Eigenaktivität, mit der sie Marjatta erfüllt und dadurch einen Knaben empfangen läßt. Unverstanden von der Familie und den Mitmenschen wird Marjatta das wärmende Bad versagt: Das Motiv der Herbergsuche wird ganz volkstümlich aufgefaßt, war doch in Finnland die Sauna der Schutzraum der werdenden Mutter. Die Tierwelt steht Marjatta bei: ein Pferd mit seinem warmen Atem.

Doch bevor das Kind auf der Erde wirksam werden kann, muß es die Sphären des ganzen Kosmos durchschreiten und die Mutter muß diesen Weg nachvollziehen. Dabei sprechen Stern, Mond und Sonne " Ihn "(den Knaben) als ihren Schöpfer an. Durch das Einsinken im Sumpf wird drastisch deutlich, daß sich das Kind nun mit der Erde verbunden hat.

Dann erst können mit diesem Kinde die alten Mächte und das strenge Gesetz (verkörpert durch Väinämöinen) abgelöst werden durch Kräfte der Jugend, der Erneuerung, der Liebe. Daß Väinämöinen das Kind nicht erkennt, ja sogar das (bei vaterlosen Kindern nicht ungewöhnliche) Todesurteil durch Aussetzen spricht, gehört zur Tragik jeder abgeschlossenen Entwicklung. Doch wird der grimmige Abschied von ihm selbst gemildert, indem er die Kantele zurückläßt und von seiner eigenen Wiederkehr spricht.

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