Christian Maurer
Der Sigurd-Mythos
Die Heldenlieder der Edda berichten nicht nur von Ereignissen der nordisch- germanischen Frühgeschichte; sie besingen auch jene vorzeitlichen Menschenkinder, die mit noch traumwachem Bewußtsein verdämmernder Götternähe in ihrem Erdenschicksal sich finden. In den Sigurdliedern hat sich gleichsam als Urbild aller Prüfungssagen ein Mythos erhalten, der den Zwiespalt in der heidnisch-germanischen Seele zwischen Götternähe und Erdenliebe den germanischen Volksstämmen in farbenprächtigen Bildern nahebrachte.
Etwa um die Zeitenwende in Mitteleuropa entstanden, breitete sich dieser zur Sage geronnene Nachklang der Sig-Mysterien nach Norden aus und wurde im 9. Jahrhundert von den norwegischen Wikingern in Gestalt von Heldenliedern mit nach Island gebracht, wo im 11. Jahrhundert christliche Mönche damit begannen, die Sprachdenkmäler ihrer Vorfahren getreulich zu sammeln.
Der Nationalismus des 19. Jahrhunderts, als politisches Erbe der materialistischen Weltauffassung, hat zu weit um sich greifendem Mißverstehen des Mythos als Bildwahrheit geführt, der schließlich zur Blut- und Bodenideologie des Nationalsozialismus verwahrloste. Mit dieser »Entwertung aller Werte« ging auch der Sigurd-Mythos dort zugrunde, wo er einst entstanden war. Dem mentalen Weltverständnis unserer Tage wächst, schon aufgrund der geschichtlichen Erfahrung, die Verantwortung zu, dem aus einem viel älteren, noch magischen Bewußtsein erwachsenen Mythos eine neue Offenheit entgegenzubringen.
Es wäre ein postumer Triumph des geistigen Niedergangs, dem Deutschland in unserem Jahrhundert ausgesetzt war, wenn wir den Mythos von Sigurd, der den Drachen besiegt und mit dem der »Niblunge Not« zutage tritt, halbherzig unseren Kindern vorenthalten wollten. Denn, gegen das 12. Lebensjahr, in der Mitte der Kindheit, kommt der junge Mensch selbst an die Schwelle, wo erwachter Erdenverstand und sich übender Eigenwille das traumselig behütete Gottvertrauen ablösen.
Auf diesem Weg zu sich selbst können die Bilder der Sigurdsage - dem Alter der Kinder gemäß - eine Stütze sein. Die im Sprechen ergriffene Formkraft des Stabreims wird dabei zum Widerlager der Willenskraft, die »selbst-ständig« zu werden strebt. Haben die Kinder die Heldensagen im Erzählteil des Unterrichts kennengelernt, so freuen sie sich nun, im Sprechen und Spielen unmittelbar in den Bildern zu leben.
Im Unterrichtsverlauf wird der Erziehende selber herausfinden, welches der Heldenlieder seiner Kinderschar für die Arbeit am Stabreim besonders entgegenkommt; oder ob ihm eine sprechfreudige Klasse folgt, die Geschicke Sigurds durch alle drei Lieder zu begleiten.