Christian Maurer
Aus dem 1. Vorwort zur Niblunge Not
Die Edda bietet in ihren Götterliedern wertvolle Texte für das Sprechen im Stabreim mit den Kindern um das 10. Lebensjahr in der 4. Klasse der Waldorfschule.
Will man aber nicht bei den Göttern stehenbleiben, so ist in den
Sigurdliedern ein Weg gegeben, mit den Kindern den Abstieg aus der
Götterwelt in das Reich der Menschen nachzuvollziehen: vom Walten der Asen
zu den Taten und Leiden des Wölsungengeschlechtes, der Kinder Odins, und
herab zu deren Begegnung und Verbindung mit den Nibelungen; dem
»Nebelgeschlecht«, das die Gewißheit seiner göttliche
Herkunft verloren hat.
Leider sind aber die Sigurd-Lieder nur in Bruchstücken erhalten.
Mein Versuch, diese Stabreim-Gesänge zum Sprechen und Spielen mit den Kindern einzurichten, fußt auf der Übertragung von Felix Genzmer in ihrer ursprünglichen Gestalt. Den Möglichkeiten und der Sprechfreude der Kinder kommt diese, von Genzmer später mehrfach überarbeitete Verdeutschung unmittelbar entgegen.
Zur Erstveröffentlichung in der »Sammlung Thule« im Eugen-Diederichs Verlag, 1912, schrieb Andreas Häusler richtungweisend:
»Man spreche diese Verse, um ihren Rhythmus und durch ihn den Inhalt zu erleben! Ohne ein gewisses Pathos, eine ausladende Nachdrücklichkeit, die sich Zeit nimmt und jedes Wort wichtig nimmt, wird man den Edda-Vers nie sich lebendig machen.
Die Seele der Edda-Lieder erscheint hart und rauh, wild wie Naturgewalten. Die Leidenschaften brechen ungestüm hervor aus den Göttern wie aus den Menschen. Haß und liebende Begier, Trotz, Heldenstolz und Klage offenbaren sich ohne alle höfische Dämpfung. Es ist eine ungebrochene und unbeherrschte Innenwelt, so recht geschaffen zur Großtat und zur Tragik.«
Wer in der Unterstufe unterrichtet, wird bestätigen, daß damit auch die Seelenstimmung der Kinder in einer 4. Klasse recht genau getroffen ist.
»So dringt hier eine dramatische Neigung über das landläufige Erzählen hinaus. Was sich nicht einfangen läßt in das Netz des Dialoges, wird in kurzen, trockenen Prosazwischensätzen erledigt; man hat sie mit »Bühnenanweisungen« verglichen. Diese Gattung bleibt bei den Isländern beliebt und hat die ältere Schwester überdauert. Es trifft sich so, daß innerhalb des Nibelungenkreises gerade nur ein zusammenhängender Ausschnitt, die Sagen von Jung Sigurd, in dieser Darstellungsform vorliegen.«
Neben Genzmers Übertragung habe ich stellenweise auch die ältere Übersetzung von Karl Simrock und manchmal das altisländische Original zu Rate gezogen. Von den vielen Prosa-Ergänzungen aber, die schon im altisländischen Codex Regius die oft nur in Bruchstücken erhaltenen Lieder verbinden, habe ich versucht, einige für den Zusammenhang unverzichtbare Aussagen in Stabreimstrophen, im Tone der Edda-Lieder, umzuformen. Weiter wurde es notwendig, den Anfang des Liedes vom Drachenhort und den verschollenen ersten Teil des Alten Sigurdliedes neu zu gestalten, um die Textgestalt abzurunden und das Miterleben dieser Inhalte beim Sprechen der Stabreimlieder zu ermöglichen. Denn im sich rhythmisch wiederholenden Erüben der geformten Sprache erleben die Kinder noch unmittelbar, was sie sprechen.
Im August 1996, Christian Maurer